Gessnerallee
Zürich



DER PERFORMANCEEFFEKT  vol.2

Institutionen wie die Gessnerallee Zürich arbeiten spartenübergreifend, weil sie reflektieren, woran Künstler_innen heute interessiert sind: am Experimentieren, Befragen, Transformieren und Kombinieren von Praktiken aus den Performing Arts und den Visual Arts. Was historisch mit der Entdramatisierung von Tanz und Theater und dem Einzug des Dramatischen in die visuelle Kunst (Happening, Performance oder Relational Aesthetics) begonnen hat, schreibt sich heute in den Genre-überschreitungen und -annäherungen in den Künsten fort. Insbesondere performative Praktiken changieren zwischen traditionell-professionellen
Anforderungen und frei adaptierten, kontextabhängigen künstlerischen Aneignungen. Diese ästhetischen Wandlungen hin zu hybriden künstlerischen Praktiken reagieren auch auf strukturelle Veränderungen. Veränderungen,
die sich mit einem marktorientierten Kulturbetrieb, der Einbindung in komplexe digitale und analoge Umwelten, mit der Suche nach neuem Publikum, der Dringlichkeit von sozialer Teilhabe oder der Auflösung von festen Rollen wie Künstler_innen, Performer_innen, Kurator_innen, Kritiker_innen oder Vermittler_
innen beschreiben lassen.
Diese skizzierten Ausdifferenzierungen und Wechselwirkungen zwischen «black box» und «white cube», ihre eigenen Referenzen, ihre Produktions- und Ausbildungskontexte, ihre Institutionalisierungs- und Rezeptionsrahmen
bilden den Horizont der Reihe «Der Performance-Effekt. Eine Gesprächsreihe in Dialogen». Auch in der zweiten Rundes dieses Formats sprechen inter/nationale Akteur_innen aus den Feldern Kunst, Tanz, Theater und Performance miteinander über spezifische Erfahrungen und Begehrlichkeiten von Produktion, Kontext, Rezeption, Repräsentation und Vermittlung.

vorbei:

DI, 4.04.17
NEW GEOGRAPHIES, NEW AGENDAS
Im Dialog: Azadeh Sharifi, Kultur- und Theaterwissenschaftlerin (Berlin/München)& Nana Adusei-Poku, Kunstwissenschaftlerin (Rotterdam)

Migration und demografischer Wandel, kulturelle Vielfalt und transkulturelle Lebenswelten prägen unsere Gesellschaft. Wie spiegeln sich diese Realitäten im Kulturbetrieb, in Theater und Kunst wieder? Welche Erzählungen, welche Bilder, welches Wissen wird vermittelt? Welche Teilhabestrategien werden proklamiert und umgesetzt und mit welchem Ziel? Wo steht der Kulturbetrieb verglichen mit anderen Bereichen und wie sieht sich die Kultur selbst in Sachen Diversität? Und wo beginnen mit den Anspruch an Diversität, bei uns oder bei den anderen? Oft reicht es ja nicht aus, nur gegen Rassismus oder Exklusion zu sein, sondern auch etwas dagegen zu tun. In der Diskussion um Kulturinstitutionen spricht man immer mal wieder von den «3P’s», sie stehen für Public, Programm und Power und bedeutet soviel, dass Diversität sich nicht nur auf die Zusammensetzung des Publikums beschränken darf, sondern ebenso das Programm und die Entscheidungsstrukturen der Institution einbezieht, wenn Diversität als ernstes Anliegen eine Rolle spielt. In welchem Verhältnis stehen Theorie und Praxis in der Schweiz und Deutschland, darüber sprechen miteinander Nana Adusei-Poku, Kunstwissenschaftlerin mit dem Fokus auf De-Kolonisierung in den Künsten und Azadeh Sharifi, Theaterwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt zu post-migrantischem Theater.





DI, 28.02.17
PERFORMING THE AUDIENCE
Im Dialog: Helgard Haug, Regisseurin und Autorin, Rimini Protokoll (Berlin) & Max Glauner, Autor und Kulturjournalist (Zürich)

Interaktiv, kooperativ oder kollaborativ? Partizipation ist ein Versprechen der Kunst. Die Einbindung, Adressierung und Aktivierung des Publikums mittels Partizipation verspricht Unterhaltung, Mitsprache und Authentizität. Partizipation als künstlerische Methode meint oft die „Abschaffung des passiven Zuschauers“, um aus „Spielern, Künstlern und Zuschauern gleichberechtigte Spielende zu machen“ (G. Siegmund, Theaterwissenschaftler Univ. Giessen D). Das zielt einerseits auf eine (politische) Legitimierung von Kunst, indem eine (reale) Handlungsmacht und Wirksamkeit der „Kunst“- Situation evoziert wird; andererseits, um Machtverhältnisse innerhalb einer inszenierten Situation scheinbar aufzulösen und Mitsprache zu ermöglichen. Aber kann sich das einlösen und was bedeutet es in „inszenierten Situationen“? Wie unterschieden sich partizipative Methoden in Kunst und Theater und tun sie das überhaupt? Was kann, was will Partizipation in der Kunst leisten und wann werden die gutgemeinten Ansätze selbst zum Problem? 




DI, 10.01.17
ANWENDUNG UND ZUWENDUNG oder nützliche Kunst?
Im Dialog: Joy Kristin Kalu, Theaterwissenschaftlerin und freie Kuratorin (Berlin) & Daniel Hauser, Künstler, RELAX (chiarenza&hauser&co), Leiter Studiengang Kunst, F+F Schule für Kunst und Design Zürich (Zürich)

Kunst wird immer wertvoller. Wertvoller nicht zuletzt dank ihrer Verknüpfung mit immateriellen Gütern wie Affekten, Verantwortung, Fürsorge, Kreativität oder Aufmerksamkeit. Wenn Künste mit der Alltagsgesellschaft interagieren, ergibt sich angesichts sozialer, politischer und wirtschaftsökonomischer Anwendungen ein erweiterter Kunstbegriff. Das Ästhetische interveniert in das Leben und sein Wert misst sich am Versprechen einer Nützlichkeit, die Fragen aufwirft. Wenn engagierte Kunst den Platz der unterfinanzierten Sozialarbeit einnimmt oder künstlerische Praxis therapeutische Strategien anwendet (Social Applied Arts), folgen daraus alternative Formen sozialer Vermittlung oder eine Umwertung öffentlicher Förderung? Die Mehr-Wertschöpfung der Künste ist auch Zeichen ihrer Kommodifizierung, etwa wenn künstlerische Prozesse in/direkt mit ökonomischen Werten verbunden werden, Stichwort: Kreativwirtschaft. Welche Ambivalenz von Geben und Nehmen vertragen die aktuellen Künste und wie steht es um die künstlerische Autonomie zwischen sozialem Engagement, Förderpolitik und Instrumentalisierung?




DI, 6.12
WIE WIR ARBEITEN
Im Dialog: Romy Rüegger, Künstlerin (Zürich) & Miriam Walter Kohn, Theaterschaffende/Kollektive Neue Dringlichkeit (Zürich)

Wir reden von Selbstmarketing und Selbstmanagement, vom „Künstlertypus“ mit all seinen Freiheiten und Prekaritäten, der* als Modell-Anforderung vergesellschaftlicht wurde. Wie sehen und bewerten Künstler_innen ihre eigenen Lebens- und Produktionsbedingungen zwischen Theater, Performance und bildender Kunst? Und schaffen etwa Förderstrukturen und kulturpolitische Entscheidungen mehr Genreunterschiede als es in künstlerischen Produktionen heute noch gibt? Theater und Tanz werden als Kollektivproduktionen gefördert, Bildende Kunst und Performance hingegen kleben immer noch an der Vision des Einzelgenies. Für Tanz- und Theaterschaffende existieren dank Interessenverband Modellarbeitsverträge und verbindliche Honorarsätze. In der bildenden Kunst sind selbst bei Biennalen und Museumsausstellungen Honorare nicht per se verbindlich, werden individuell ausgehandelt und sind in den meisten Fällen gar nicht vorgesehen. Belegt das ein breitverstandenes an Objekten orientiertes Kunstverständnis, das allein an das (uneingelöste) Versprechen eines Kunstmarkt gebunden ist? Ist bildende Kunst immer noch vor allem ein Metier von und für finanzstarke Schichten? Welche Um_Wertungen, neuen Allianzen, Tauschverhältnisse und feministische Formen einer Institutionskritik braucht es und warum?


DI, 8. 11

Von der Kulturkritik und ihren Krisen 

Im Dialog: Tobi Müller, Journalist und Moderator (Berlin) & Pablo Müller, Kunstkritiker und wiss. Assistent HSLU (Luzern&Zürich)

Klar ist, noch nie wurde so viel Kunst und Kultur gezeigt, gesehen und darüber geschrieben wie heute. Und dennoch geht ein Krisengeläut um, vor allem weil der Feuilletonjournalismus unter Druck steht. Daneben erzeugen selbstorganisierte Web-, print-on-demand-Projekte, Blogs oder Webforen eine multiperspektivische Mehrstimmigkeit, die längst nicht mehr das eine Publikum im Blick hat. Diese „neue Unübersichtlichkeit“ sei Grund von einer Krise der Kritik zu sprechen, sagen die einen, weil der unspezifische Relativismus keine Kritik sei. Folgt aus den neueren digitalen Produktions- und Distributionsmethoden prinzipiell eine Art relativierende Ambivalenz, eine „post-kritische“ Situation, weil kein zentraler Wertekanon mehr geteilt wird? Andere meinen, die Kritik sei heute vor allem durch die Indienstnahme durch institutionelle, politische oder ökonomische Interessen manipuliert; wenn Kunstkritik beispielsweise nur noch aus Pressemitteilungen, Infotainment, who-is-who und anderen Hitlisten besteht. Ist die Theaterkritik völlig frei von diesen Vorwürfen, weil sie sich nicht mit einem Markt identifizieren muss? Und wie steht es um die viel beschworene Autonomie der Kritiker_innen - war sie je da? Welche Kulturkritik brauchen wir? Ein Dialog zu Fatalismus, eigener Kritikfähigkeit, Medienformaten und emanzipatorischen Potenzialen in Theaterkritik und Kunstjournalismus.

Der Hintergrund der Gesprächsreihe

Die aktuelle visuelle Kunst verwebt sich seit den 1990er Jahren immer enger mit den Genres von Choreographie und Theater. Von diesen Annäherungen zeugen Tanzchoreographien und Sprechperformances auf Biennalen, Tanzretrospektiven in Museen, Performancedokumentationen auf dem Kunstmarkt, Live-Art-Events und choreographierte Ausstellungen. Auf der anderen Seite verstehen sich Theaterhäuser immer öfter als wandelbare und disziplinoffene Plattformen für ein breites Feld von Aufführungsformaten, wie begehbare Installationen, Ausstellungen, kuratierte Festivals bis hin zum Museums-Kurator, der als Theaterintendant eingeführt wird.
Bei allen diesen Grenzauflösungen und -überlagerungen fällt die relative Abwesenheit eines begleitenden Diskurses auf, der die jeweils eigenen Genre-Referenzen, -Begriffe und -Kritik in Beziehung zueinander setzt. Inszenierungsrahmen von «black box» und «white cube» sprechen eine Sprache, die die Produktion von Performances mitschreiben; aber wie werden sie thematisiert, hinterfragt oder dekonstruiert? Genrebildende Aspekte von Zeitlichkeit, Theatralität und Mimesis vermengen sich mit der Authentizität «des Künstlers» und der Autonomie des Publikums. Beschreibt das historische Selbstverständnis der visuellen Kunst noch ihr heutiges Verhältnis zu den Performing Arts? Was begründet die andere Lesbarkeit und Wahrnehmung von «Kunst» und «Theater»? Und, scheint die explizite Arbeit mit dem Körper als Material repräsentativ prekär gegenüber dem Konzept von Theorie und Sprache? 



Tonprotokolle der Dialoge aus der letzten Saison hier