Theaterhaus Gessnerallee

Kritik 4 U

Auf Kritik 4 U schreiben unabhängige Theater- und Tanzkenner über die Produktionen, die im Theaterhaus Gessnerallee gezeigt werden. Viel Spass beim Lesen!

31.03.2012
17:13

Phil Hayes: The First Cut


„I wish that for just one time/You could stand inside my shoes/And just for that one moment/I could be you.“ Der britische Schauspieler Phil Hayes und ehemalige Sidekick der Schweizer Satire-Sendung Giaccobo/Müller („Peter Tate“) , macht Bob Dylans „Positively 4th Street“ zur Leitmelodie seiner Suche nach dem „Ich“. Das ist ihm nämlich beim Sturz vom Pferd auf Fall und Knall abhanden gekommen. Nun steht er in schreiend orangenem Hemd schweigsam auf der Bühne, auf der bis auf einen Kleiderständer und  eine Hundehütte die Leere gähnt. Vor ihm: Ein Publikum, das ihm verraten soll, was für ein Kerl er früher gewesen ist. In seiner Hosentsche: Zwei vollbeschriebene Seiten mit biografischen Daten, mit denen er seit der Amnesie nichts mehr anfangen kann.



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13.02.2012
10:24

KLARA: Letzte Welten

Krise chorisch

Berge von zerknüllten Papieren, von der Decke baumelnde Mikrophone, Maschendrahtzaun als Bühnenwände, vier Frauen in Abendroben, vier Männer mit Anzügen und Fliegen liegen und stehen still im Bild herum. Ein Papierhügel auf einem Podest beginnt zur rascheln, ganz leise fallen erste Blätter, ein bestrumpftes Bein mit High Heel erscheint. Die Frau drunter plumpst zu Boden, eine Welle des Schocks fährt durch die sieben anderen Performer. Wieder Stille. Einer der Männer mit Fliege hält zwei Papierbüschel, die Arme ausgebreitet, im Gesicht sprachloses Entsetzen, weit geöffneter Mund, er vibriert nur leise. Ein atmendes Stilleben, mehr vegegativ als menschlich, dann geht wieder ein Schreck durch die Menschen, alle zucken, ein Schreckenslaut kommt aus dem Mund einer blonden Frau. Die Anfangsszene ist ein orchestriertes Spiel von Schreckimpuls und träger Starre, das die Körper wie Instrumente ins crescendo treibt.


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18.01.2012
16:13

Luz / Weibel / Kuggeleyn: There Must Be Some Kind Of Way Out Of Here

Heimat, die Verräumlichung von Identität

Exorzist ist der, der in direkten Kontakt mit einem unerwünschten Geist oder Dämon tritt, um diesen aus dem Körper des oder der Bessessenen zu vertreiben. Ein Glockenklang. Ein sakraler Chor. Dunkelheit. Die Austreibung beginnt – und diesmal ist es der Geist der Heimat, genauer: der schweizer Heimat, dem es an den Kragen gehen soll. In seiner neuen Regiearbeit inszeniert der Musiker und Regisseur Thom Lutz in Kooperation mit dem Choreografen Arthur Kuggeleyn und dem Musiker Mathias Weibel ein zeitkritisches, quasireligiöses Ritual, das zeitgleich die Suche und die Austreibung eines Heimatgefühls ist. Denn was man austreiben will, muss man ja gefunden haben. Was Heimat ist, ist aber in keiner Weise klar. Klar ist: Heimat ist heute ein Problem – nicht nur philosophisch, sondern auch politisch – nicht nur in der Schweiz, sondern auch global. Ein Thema voller Brisanz also. Vielleicht notwendigerweise gelingt dem Stück nicht die Austreibung von Heimat(gefühlen), sondern lediglich die Ablehnung von Patriotismus. Das ist nicht neu, aber wohl immer noch das Losungswort: „Ich bin dort zuhause, wo ich meinen Ärger habe“ – und wenn wir keinen Ärger haben, müssen wir Ärger machen!


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Simone Aughterlony: We need to talk

Ausserirdische Sichtweisen

Als nacktes Erdenkind folgt sie der Umlaufbahn einer riesigen Erdkugel. Der aufblasbare Himmelskörper aus Plastik beherrscht Bühnenbild und Denken von Simone Aughterlony. Denn in ihrer Performance „We need to talk“ versucht sich die neuseeländische Künstlerin aus ihrer anthropozentrischen Perspektive zu lösen. Über den Tanz, über das Loslassen von Erinnerungen, über die Identifikation mit dem Anderen, dem Alien. Dass ihr Geburtsjahr 1977 ausgerechnet mit dem Start der beiden NASA-Raumsonden Voyager 1 und 2 zusammen fällt, nimmt sie zum Ausgangspunkt für eine zeitlose Reise in die Zukunft.


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05.10.2011
17:06

400asa/Theater im Bahnhof Graz: Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen

Es fehlt der Anker


Die einen suchen ihn im Branntwein, die anderen in den rosa Seifenblasen eines Musicalplots: Den Anker, der dem Dasein einen Halt gibt. Auch Jungschauspieler Nikolai hat ihn noch nicht gefunden. Darum stolpert er etwas unbeholfen in unschuldigem Weiss wie ein Fiat Lux-Jünger durch die neue Musical-Koproduktion von 400asa und Theater am Bahnhof Graz.





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