Theaterhaus Gessnerallee

Episode 3 im März 2010 !

DIE CHRONISTEN Oder das Einfangen von Echtzeit

Michel Schröder / kraut_produktion

Theater
Ein evolutionärer Verdauungsvorgang in vier Episoden

Ein Chronist tritt in unmittelbare und ungefilterte Interaktion mit seinem Jetzt. Er vermengt die direkte Gegenwart in sich, lässt sich von ihr füttern, penetrieren und korrumpieren, während er sie gleichzeitig selbst verkörpert. Er verarbeitet menschliches Existieren in jenem Moment, in dem es stattfindet. Der Chronist ist der Abdruck seines Ist und ein Schrumpfkopf seiner Zeitgeister. Und er ist ein Bestandteil seiner eigenen Arbeiten, Gebilde mit naturgemäss nicht absehbaren Auswüchsen und Erscheinungsformen – oder haben Sie sich schon einmal selbst verdaut und dabei von aussen betrachtet?
Die Chroniken verwerten nicht primär so genannte gesellschaftliche Grossereignisse und halten sich auch nicht mit dem Abhandeln, Wiederkäuen oder Analysieren von Tagespolitik oder Tagesgeschehen auf. Sie untersuchen vielmehr die metamorphierenden und vergänglichen Mikrokosmen Ich und Wir, die sich in ihrer jeweiligen Gegenwart zu behaupten versuchen – und diese daher als prägende Faktoren selbst mitgestalten und mitverantworten. «Archaisch individualisiertes Existieren in homogenisierter Anarchie» könnte man das vielleicht nennen, wenn zum Beispiel ein ganz normaler Mensch aus Panik vor der Bankenkrise sein Geld lieber in der Matratze vergräbt und deswegen nun unter Schlafstörungen leidet (was ihn wiederum zur Ballastexistenz macht, die nicht nur der Gesellschaft schadet, sondern auch der UBS).
Um akute Existenz nach solchen und anderen Symptomen gründlich untersuchen zu können, setzt sich kraut_produktion in einem einjährigen expressiven Performance-Projekt der Willkür von Echtzeit aus. Ein Selbstversuch, der sich ohne vorgefasstes Thema oder seriellen Überbau daran macht, mit den Mitteln der vergänglichen Kunstform Theater das Vergängliche von Gegenwart festzuhalten. Oder anders gesagt: Jede Zeit materialisiert sich in jener Chronik, die sie verdient.

Christian Glaus

Mit Thomas U. Hostettler, Ilja Komarov, Michael Rüegg, Herwig Ursin, Sandra Utzinger Inszenierung Michel Schröder Bühnenbild Duri Bischoff Kostüme Nic Tillein Video Roland Schmidt Licht Marek Lamprecht Bühnenbildbau Die Werkstätten des THG, Küde Brun Produktionsleitung Michael Rüegg Produktion Trixa Arnold Koproduktion Theaterhaus Gessnerallee Zürich, PRAIRIE: Das Koproduktionsmodell des Migros-Kulturprozent mit innovativen Schweizer Theatergruppen Gefördert durch Stadt Zürich Kultur, Fachstelle Kultur Kanton Zürich, Pro Helvetia Schweizer Kulturstiftung, Migros-Kulturprozent, Dr. Adolf Streuli-Stiftung