Gessnerallee
Zürich


IM/POSSIBLE
SPACES
2019/2020

Im Winter 2018 verschickte die Gessnerallee einen Open Call mit dem Titel Im/Possible Spaces. Gesucht wurden experimentelle ästhetische Zugriffe, die sich mit dem Un/Möglichen auseinandersetzen.
Un/Mögliche musikalische, theatrale, visuelle, aber auch gesellschaftspolitische Räume - alles war möglich. Aus 166 Bewerbungen wurden 6 eingesendete Konzepte ausgewählt. Die Gruppen ziehen für jeweils zwei Wochen in den Nordflügel oder in die Südbühne und geben an zwei Tagen Einblick in ihre Arbeit.


Adrian Ganea & Maria Guta
«Cyberia»

28 Oktober - 17 November 2019

In einer von digitalen Daten übersättigten Welt sind Mystizismus und das Paranormale populärer denn je. Genauso wie Fakten von Gefühlen ersetzt werden und Komplexität von simplen reaktionären Positionen, erleben wir eine unaufhörliche Verschiebung in Richtung einer Art archaischen Religiosität. Neue Technologien werden von dieser postmodernen Spiritualität immer mehr vereinnahmt. Denn wie der Science-Fiction Autor Arthur C. Clarke ausweist, ist «jede ernstzunehmend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden».

Cyberia ist ein Grenzgebiet, eine Welt zwischen dem Raum der Gessnerallee und einer übereinstimmenden, computergenerierten 3D-Umgebung. Dieser hybride Ort wird durch ein symbiotisches Wesen belebt; eine Synergie zwischen dem materiellen Körper einer Darstellerin und einem halbautonomen humanoiden CG-Avatar, die sich beide vor einem Abgrund aus Wahnvorstellungen befinden. Zwischen digitalen Videoprojektionen und einer physischen Umgebung inszenieren Ganea & Guta mit Hilfe einer Videospiel-Software und einem Motion-Capture-Anzug eine Simulation eines endlosen Zustands kurz vor dem Höhepunkt.


Olympia Bukkakis & Camille Lacadee
& Isabel Gatzke
«Under Pressures»

02 - 15 Dezember 2019

Wir befinden uns in den sozialen, politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Trümmern der jahrzehntelangen Dominanz eines neoliberalen Personenkults. In diesem Kontext, in dem Sparmassnahmen eine Unzufriedenheit geschaffen haben, die fruchtbarer Boden für rechtsextreme Ideen ist, und in dem der Egoismus der globalen Eliten einen potenziell katastrophalen Klimawandel und den Zusammenbruch unseres Ökosysteme ausgelöst hat, ist es nicht länger möglich zu tun als würde das Individuum nur für sich und losgelöst von seiner Umgebung existieren. Denn die Interessen der Einzelnen sind vielmehr untrennbar mit denen des Kollektivs und der ökologischen Systeme, die es unterstützen, verbunden.

Mit Fokus auf diese Abhängigkeiten entwickelt «Under Pressures» eine Reihe von Personagen, die die sich immer wieder ändernden Beziehung zwischen dem Bühnenraum, der Performerin und dem Publikum ausloten. Das aus elastischem Material bestehende Bühnenbild wird erst durch die Einflussnahme der Performerin lebendig. Es entstehen Territorien und Formen, die sie verwendet, um sich zu schützen, sich zu verstecken, sich anzuziehen, sich auszudehnen und nach außen zu greifen. Bis an die Grenzen des Materials. «Under Pressures» ein Spiel ohne Fixpunkt mit den Komponenten Druck, Loslassen und Zerreißen. Zerfall bedeutet hier in jedem Moment immer wieder nur eine neue Form.


Luisa Ricar
«Facing Others»

06 - 19 Januar 2020

Digitalisierte Kommunikation überwindet Grenzen, eröffnet Möglichkeiten, schafft Freundschaften. Aber bewegen wir uns damit wirklich ausserhalb unserer Bubble? Mit wem können und wollen wir kommunizieren und wer hat Zugang zu grenzüberwindendem Kontakt? Ist die Generation «Digital Natives» dadurch wirklich offener und vorurteilsfreier und wo liegt die Grenze der Komfortzone?

Mit «Facing Others» wird in einem sozialen Experiment ein Raum geschaffen, der das Unmögliche überwindet. Das Unmögliche, das durch gesellschaftliche Strukturen, der Angst gegenüber dem Fremden und der eigenen Bequemlichkeit geschaffen wird. Während des Experiments hat die Besucherin die Möglichkeit, mit einer völlig fremden Person zu chatten und mit Hilfe eines Programmes einen Avatar der anderen Person zu kreieren. Einer Person, mit der sie sonst wohl nie in Kontakt kommen würde. Eine Person, die wohl zu den verletzlichsten und isoliertesten Menschen in unserer Gesellschaft gehört.

Come and leave your comfort zone - face the other!


- Black Performance Lab - 
Brandy Butler, Edwin Ramirez, Hermes Schneider, Meloe Gennai, Rahel El-Maawi
«We Real Cool»

02 - 15 März 2020

Das «Black Performance Lab» bietet Schwarzen queeren Künstler*innen einen sicheren Raum, in dem sie ihre biografischen Erfahrungen kritisch befragen können. In Kursen und Workshops werden den Künstler*innen Werkzeuge zur Verfügung gestellt, die als Linse dienen, durch die sie ihre persönliche Identifikation mit «Blackness» und «Queerness» individuell reflektieren können. Da es sich bei dem Labor um einen Raum handelt, der strikt für Menschen aus der afrikanischen Diaspora ist, soll er auch Quelle für eine Vereinigung, durch die vom Kolonialismus und von der Sklaverei zersplitterte «Blackness» sein. Am Ende des Labors steht es den Künstler*innen frei, einen Teil ihres persönlichen Dialogs mit einem Publikum zu teilen. Das Lab schafft neue Erzählungen und gibt Schwarzen Künstler*innen die Möglichkeit, ihre eigenen Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie sich Schwarze Körper in performativen Räumen bewegen können und bewegen werden.


Mars travel agency
«Fridge – von Raum und Zeit»
ein Experiment

27 April - 10 Mai 2020

Am Anfang war ein Kühlschrank. Und mit dem Öffnen des Kühlschrankes begann alles. Zumindest begann mal ein Anfang. Und aus dem Anfang dehnte sich ein Etwas aus; die Zeit und der Raum und das Alles. Und da war die Wurst, und der Käse, das Licht und das Surren der Kühlelemente und alles breitete sich im Raum aus, formatierte, expandierte, deformierte bis in die Unendlichkeit. Oder bis irgendjemand den Kühlschrank wieder schliesst.

In ihrer für die Südbühne geplanten Arbeit versteht das Zürcher Kollektiv mars travel agency den Kühlschrank als Tür zu einer unmöglichen Raum-Zeit-Wahrnehmungswelt. Hier manipulieren, interpretieren, deformieren und gestalten sie das Zeitgefühl der Zuschauer*innen und untersuchen die Wahrnehmung eines Ereignisses. Fridge ist eine Räumliche Zeitkomposition von Bild, Klang, Geruch und Geschmack, ganz ohne Sprache.


Maya Rochat & Sarah Burger mit Gästen
«Sublime Reloaded»

18 - 31 Mai 2020

Das in der Aufklärung beschriebene und analysierte Gefühl des Erhabenen (engl. «the sublime») vereint die Widersprüchlichkeit, dass ein Naturereignis gewaltig – wesenhaft gesprochen gewalttätig – sein, und zugleich Anziehung und Bewunderung auslösen kann.
Die einst Naturereignissen vorbehaltene Kraft des Erhabenen kann im Zeitalter des Anthropozäns auf menschliche Handlungen übertragen werden: Die schiere Flut an Konsumgütern, der an den Stränden dieser Welt angeschwemmte Abfall, der exorbitante Wohlstand weniger und die existentielle Not anderer Menschen, die nach wie vor anhaltende Schönheit von natürlichen und kulturellen Kräften und Fähigkeiten, die intimen Momente des Liebens, das Glück der Freundschaft, ebenso wie die Einsichten in und Anwendungen von technischen, physikalischen und biologischen Zusammenhängen zeichnen eine Welt, die nur noch schwer zu fassen ist. Unser Ort Erde ist zu einem (un)möglichen Ort geworden, einem Ort massiver Gegensätze und Unvereinbarkeiten, haarsträubend, erstickend und wundervoll zugleich.

«Sublime Reloaded» ist eine raumgreifende Installation aus grossflächigen Prints, Videoprojektionen und Sound sowie aus weggeworfenen, gefundenen und gemachten Objekten, die während der Ausstellungsdauer performativ und musikalisch erweitert und transformiert wird.


Unterstützt von Ernst Göhner Stiftung und Migros Kulturprozent